Flugzeugabsturz in Frankreich & Absturz der Gesellschaft

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Unmenschlich, würdelos, grausam!

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen wurde Frankreich abermals zum Schauplatz der Welt. Erst das grausame Attentat auf Charlie Hebdo, nun der Flugzeugabsturz der Germanwings 4U9525. Am 24.03.2015 um 13:30 Uhr bestätigt das Flugunternehmen den Absturz der Maschine, der 144 Passagiere und 6 Crew-Mitglieder das Leben kostete. Zurück bleiben trauernde Angehörige, die einen lieben Menschen verloren haben. Eine Pressemeldung nach der nächsten rast im Minutentakt durch das Internet. Überlebende gibt es nicht. Angehörige und Opfer sind der Medienschlacht ausgeliefert. Ein junger Mann verhöhnt die Toten, die Angehörigen. In schlimmster, menschenverachtender Weise. Ein Bild des mutmaßlichen Täters, welches den falschen Mann zeigen soll. Der Reihe nach.

Flugzeugabsturz Germanwings 4U9525
Flugzeugabsturz Germanwings 4U9525

Zusammenfassung der Ereignisse Flug 4U9525

Als ob nicht ohnehin schon der Gipfel des Unerträglichen erreicht gewesen ist, spielen sich in den Medien und sozialen Netzwerken seit dem 24.03.2015 unglaubliche Ereignisse ab, die mich zutiefst schockieren. Glaubte man zunächst an ein Unglück, welches auf technische Probleme zurückzuführen sei, verdichte sich die Annahme, der Flugzeugabsturz in Frankreich sei vom Co-Piloten der Germanwings Maschine absichtlich herbeigeführt worden.

Psychisch krank sei der Co-Pilot. Willentlich habe er den fatalen Sinkflug eingeleitet. Bewusst habe er den Piloten aus dem Cockpit ausgesperrt. Seinen Arbeitgeber habe er belogen. Der Co-Pilot sei mit Wirksamkeit auch am 24.03.2015 krank geschrieben gewesen. Er habe jedoch den Krankenschein zerrissen und sei dennoch zur Arbeit erschienen.

Französische Behörden ermitteln Hand in Hand mit der Staatsanwaltschaft Düsseldorf. Es scheint, als verfolge ganz Deutschland die Meldungen im Internet, die nicht abreißen wollen. Auch am 27.03.2015, drei Tage nach dem Absturz des Flugzeugs, im Minuten Takt erscheinen sie und beherrschen die Medien.

Die Gesellschaft im Sturzflug

Spekulationen, Vorverurteilung & öffentliche Hinrichtung

Bewusst habe ich die Überschrift „Die Gesellschaft im Sturzflug“ Gewählt, die im ersten Augenblick geschmacklos und im Zusammenhang mit dem vorausgehenden Ereignis völlig unpassend erscheinen mag. Doch eben jene Überschrift bezeichnet in präziser Deutlichkeit die Ereignisse, die man in den Medien sowie den sozialen Netzwerken verfolgen muss. Ein Entziehen ist nicht möglich.

Der Co-Pilot – Konvertit, Mörder, Geisteskranker. Vertuschung. Feindlicher Abschuss. Terroranschlag. Islamisten seien verantwortlich. Volles Programm. Ja, die Menschen suchen nach Antworten. Wollen Antworten. Brauchen Antworten. Doch bevor es sie gibt, wird verurteilt. Der Pilot. Der Co-Pilot. Der Islam.

Alles fokussiert sich auf den Co-Piloten. Kaum keimt der erste vage Verdacht auf, schießen Fake-Profile auf Facebook wie Pilze aus dem Boden. Geschmacklosigkeiten sondergleichen. Der Name des Co-Piloten wird veröffentlicht. Jeder kennt nun sein Elternhaus. Und das Bild, das den Co-Piloten auf einem Felsen vor einer Brücke zeigt. In Sekundenschnelle geht es um die Welt.

Es soll den falschen Mann gezeigt haben. 

Soeben (während des Schreibens dieses Beitrags) lese ich bei Focus.de:

15.45 Uhr:Als das erste Bild von Andreas L. um die Welt ging, war es gar nicht der Co-Pilot, sondern ein junger Mann mit ähnlichem Namen. Zahlreiche Medien zeigten den Falschen.Der heißt Andreas G. und erzählt nun, welche Folgen die Verwechslung hatte.

Medienhetze & Sensationsjournalismus

Reißerische Medienschlagzeilen. Die Angehörigen werden von der Pressemeute fotografiert und in ihrem schlimmsten Augenblick der Welt präsentiert. Die Mitschüler der toten Schüler werden in der Halterner Schule belagert und interviewt. Sie bekämen Geld, wenn sie mit der Presse reden.

Das Leben des mutmaßlichen Täters wird en detail durch die mediale Presselandschaft gezerrt und zerrissen. Freunde, Bekannte und Vereinskameraden werden zum begehrten Zielobjekt fragwürdiger Journalisten. Wer irgendetwas oder irgendjemand vor die Linse gezerrt bekommt und die reißerischste Schlagzeile über die sozialen Netzwerke am schnellsten postet, kann sich extrem hoher Klickzahlen erfreuen und darf sich extrem hoher Affiliate-Provisionen sicher sein. Der Rubel rollt.

Das erste Medium merkt, dass der Wind sich gedreht hat. T-Online distanziert sich. Plötzlich empfinden die Menschen diese Presseschlacht nicht mehr in Ordnung. Das erste Pressehaus erklärt öffentlich, man halte sich zurück und mäßige sich. Bevor auch die BILD sich rechtfertigt, schlachtet sie weiter aus. Um nach der überfälligen, leider aber meiner Meinung nach entarteten Rechtfertigung im gleichen Duktus fortzusetzen.

Jeder muss Geld verdienen. Jedes Unternehmen und somit auch jedes Verlagshaus muss wirtschaftlich handeln. Doch in den Redaktionen sitzen Menschen. Sollten Menschen sitzen. Menschen, die wissen, wann das Maß voll und der Bogen überspannt ist. Geld verdienen – ja. Aber nicht um jeden, nicht um DIESEN Preis.

Wen interessieren die Hinterbliebenen eigentlich?

An die Hinterbliebenen der Toten von Germanwings Flug 4U9525 scheint kaum wer zu denken. Zumindest ist von Rücksichtnahme, Pietät und aufrichtiger menschlicher Anteilnahme nur wenig zu sehen. Vielleicht ist es ein Weg, um mit dem Grauen umzugehen. Vielleicht können Menschen nicht anders, als sich in Sensationsgier und Wut zu entladen. Vielleicht brauchen die Printmedien diesen schnellen „Erfolg“, um weiterhin durch Online-Einnahmen fortbestehen zu können.

Aber bitte nicht auf diese unwürdige, elendige Weise. Immerhin, es gibt kritische Journalisten. So einer wie dieser. Der in diesen schweren Tagen mit Professionalität und Menschlichkeit meine Achtung verdient. Einer, der sich entgegen seiner Bekundungen nicht schämen muss.

Ich, nein, wir alle müssen uns Journalismus wünschen, der aufmerksam hinschaut, besonnen berichtet und kritisch hinterfragt. Einen Journalismus, der seiner Aufgabe gerecht wird: Recherchieren. Informieren. Kontrollieren. Einen Journalismus, der den Opfern, aber auch den Verbliebenen würdige Berichterstattung in jedweder Form zuteil werden lässt.

Es sei der Presse der Klatsch und die Sensationsgier ungenommen. Wenn es um Sternchen, Skandale und Teppichluder geht. Aber bitte nicht bei so einem Ereignis. Bitte nicht auf diese unwürdige Weise.

Trotz aller Wut und trotz allem Entsetzen. Auch dem mutmaßlichen Täter gebührt ein Mindestmaß an Würde. Ebenso dessen Eltern. Nicht sie waren es, die den Germanwings Flug 4U9525 auf diese schreckliche Weise beendet haben. Eltern sind nicht immer für das verantwortlich, was ihre (erwachsenen) Kinder tun. Wenn der Tathergang denn so war, wie es derzeit angenommen wird. Und wenn – auch diese Eltern haben ihr Kind verloren. Das Recht auf Trauern. Den Anspruch auf Schutz durch die Gesellschaft! Das Recht auf Trost und Anteilnahme.

Abschaum und Perversität

Nicht nur die Presse wirft ein sehr fragwürdiges Bild auf. Auch ein junger Mann, der ein Video ins Netz stellte. Ein junger Mann, der sich als Boss und Billionaire empfindet und ein Video mit dem Titel

„Die Wahrheit über den Germanwings Flugzeug-Absturz“ 

auf YouTube stellte und sich damit in seinem sozialen Netzwerken zu profilieren suchte. Es war dem Zufall geschuldet, dass ich dieses Video am späten Abend des gestrigen Tages über meine Facebook-Pinnwand laufen sah. Ein anderer Facebooker wies in einem Kommentar mit „Arschloch“ auf den unerträglichen Inhalt hin.

Sicher mag es ebenfalls ein Anflug von Sensations(neu)gier gewesen sein, dass ich eben wegen diesem Vokabular auf den Play-Button drückte. Zum Glück. Was ich dort zu hören bekam, durfte nicht länger und auch nicht ungestraft im Netz stehen bleiben.

Ein etwa 20 Jahre alter Jüngling machte sich auf grausamste Weise über die Toten des Germanwings Flugs 4U9525 „lustig“. Das Geäußerte war so schlimm, Opfer und Angehörige auf das Grausamste entwürdigend, dass ich nicht im Ansatz darüber nachdenke, es hier auch nur anzudeuten. Nicht enden wollende Minuten ging das so. Noch bevor ich das Video fertig gesehen hatte, war ich dabei, Strafanzeige zu erstellen, das Profil bei Facebook zu melden und bei YouTube die Löschung des Videos zu erbitten.

DIESE grausam formulierten Inhalte durften auf gar keinen Fall im Netz stehenbleiben. Denn mit jedem Augenblick, wo solch ein Dreck im Netz stehen bliebe, stiege auch die Gefahr, das Angehörige der Toten, Väter und Mütter der Schulkinder diesen perversen und meinem Empfinden nach geisteskranken Schwachsinn anklicken und ertragen müssten.

Die Reaktionen – ein weiterer Schock

Das Internet bietet eine vermeintliche Narrenfreiheit. Jeder duzt sich. Jeder kann sich hinter der Masse der Daten verstecken. Jeder fühlt sich anonym und unauffällig. Dieser Schein trügt und schränkt somit die Narrenfreiheit ein. Gravierend.

Diesen jungen Mann ob des Gesagten einfach „nur“ anzuzeigen und bei Facebook und YouTube zu melden, schien mir nicht genug. Ich nutzte meine Kontakte, um hoffentlich dazu beitragen zu können, dass dieser vertonte Abschaum so schnell als irgendwie möglich aus dem Netz entfernt wird.

T-online schrieb mich heute an, um mich auf diesen Artikel hinzuweisen, der aus Pietätsgründen nicht auf alle Punkte des betreffenden Videos eingeht. Dies ist Journalismus, der Verantwortung übernimmt und wie ich in begrüße.

Ein Schock, eine unverständliche Situation jagt die nächste. Während die Polizei mir mitteilte, dass die Ermittlungen gegen den jungen Mann bereits aufgenommen wurden, erreichte mich seitens Facebook diese Meldung:

Meldung an Facebook
Meldung an Facebook

Der milliardenschwere Zuckerberg verhöhnt mit dieser verabscheuenswürdigen Entscheidung ein weiteres Mal die Toten sowie die Angehörigen.

Unser Mitgefühl gehört den Angehörigen

Im letzten Jahr verstarb mein Mann. Ich weiß, wie es sich anfühlt, einen geliebten Menschen für immer zu verlieren. Umso mehr kann ich mich in die Gefühle der Männer, Frauen, Väter, Mütter, Geschwister, Großeltern und Freunde der Toten hineinversetzen. Was ich nicht annähernd nachempfinden kann, ist dieses weitere unsägliche Leid, welches durch die Medienhetze zusätzlich verursacht wurde und am heutigen Tage immer noch wird.

Jeder einzelne reißerische Artikel, jedes einzelne Update des „Live-Tickers“ muss sich in den Herzen der Hinterbliebenen anfühlen, wie unzählige Messerhiebe. Direkt ins Herz. Direkt ins Gedächtnis. Niemals wird ein Vergessen möglich sein. Nicht das Vergessen des verlorenen Menschen. Sondern das Vergessen des verursachten Schmerzes. Mich, meine Familie, machen all die Ereignisse rund um den Flugzeugabsturz des Germanwings Flugs 4U9525 unglaublich betroffen.

Ich bin nicht Gott-gläubig. Ich wünschte: „Wäre es doch „nur“ ein Unfall gewesen.“ Ein Unglück. Eins, das nicht mit Menschenhand hätte verhindert werden können. Ein Unglück, dass nicht womöglich von Menschenhand herbeigeführt wurde. – Dies wäre ohnehin schon schlimm genug. Doch es wäre vielleicht leichter zu ertragen, wenn Angehörige ein solches Schicksal ertragen müssen. Erfahren zu müssen, dass diese Toten in Frankreich womöglich in Absicht um ihr Leben und die Angehörigen um ihre Lieben gebracht wurden.

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